Was ist novalux?

Liegen nicht gerade in der Art, wie wir wirtschaften, wie wir Waren produzieren, wie wir handeln und welche Ziele und Zwecke wir verfolgen die ganz großen Chancen für unsere krisenbedrohte Zukunft? Das Seminar „nova lux“ am Lehrstuhl "Philosophics & Economics" der Uni Bayreuth stellt sich dieser Aufgabe. mehr...

Was will novalux?

Ziel von nova lux ist es früher oder später zu einer vollständig realisierbaren Markenkonstruktion zu kommen und dabei einen neuartigen Unternehmenstypus zu schaffen. Unternehmen, Individuum und Gesellschaft sollen an der Wertbildung dieses neuen Unternehmenstypus gleichermaßen teilhaben. mehr...

nova lux: Einladungstext

Das Seminar zur öffentlichen Konstruktion einer ethisch legitimierten Marke

novalux: Seminarstruktur

Trends gibt es viele. Doch welche werden weiter Bestand haben werden und welche nicht?

40 Millionen Stunden Vernunft

Einführender Essay zum Seminar novalux. Martin Sambauer fordert den Resonanz- Liberalismus.

Temps mort

von Alexander Brink, David Rohrmann, Martin Sambauer

Prof. Alexander Brink und Martin Sambauer leiten zusammen mit David Rohrmann das Seminar "novalux" am Lehrstuhl "Philosophics & Economics" der Uni Bayreuth. Zusammen haben sie den Artikel "Temps mort" für die agora42 verfasst - einen Kommentar zu den wirtschaftsethischen Notwendigkeiten und didaktischen Konzepten der Gegenwart.

Kann die Zeit stehen bleiben? In den 90er-Jahren war man von dieser Idee auf mehreren Ebenen gleichermaßen betroffen wie fasziniert. Die meisten können sich an den philosophisch durchkonstruierten Actionthriller Matrix erinnern, in der Carrie Ann Moss alias Trinity in einem spektakulären Sprung in der Luft plötzlich „eingefroren“ wurde. Der Zuschauer durfte die mitten in der Bewegung plötzlich erstarrte, in der Luft hängende Figur in einer eleganten Kamerafahrt von allen Seiten bestaunen. Im Film wurde die Zeit angehalten, während sie für den Betrachter weiterlief. Ein uraltes Paradoxon des Zeitbegriffs wurde durch diesen Filmtrick visualisiert – man konnte sich die stehende Zeit ansehen, ohne dabei selbst aus ihr heraus zu fallen. Bevor dieser neuartige Spezialeffekt 1999 durch Matrix endgültig zum Hollywood-Standard-Repertoire addiert wurde, war er bereits Jahre zuvor in unzähligen Kunstvideos, Musikclips und Werbefilmen in allen denkbaren Varianten durchgespielt worden. Er schien Regisseure wie Publikum gleichermaßen und immer wieder aufs Neue zu begeistern. Der Effekt kam Anfang der 90er-Jahre zunächst unter dem Begriff „temps mort“ auf den Markt, was soviel heißt wie „getötete Zeit“. In diesem Ausdruck spiegelt sich das Verständnis der Zeit wider – einer Zeit, die sich in dieser Dekade, ganz wie im Filmeffekt, anfing in verschiedene Ebenen zu splitten und dort jeweils verschiedene Geschwindigkeiten anzunehmen. Die Vorzeichen veränderten sich dramatisch, als das gewaltige Sowjetreich geräuschlos und gespenstisch implodierte und mit ihm die Antithese des Kapitalismus. Der amerikanische Politologe Francis Fukuyama sprach 1992 wortgewaltig vom „Ende der Geschichte“ und erklärte den Hegel‘schen Geschichtsprozess mit dieser Implosion für beendet. Die Dialektik der Gesellschaftssysteme hat nach Fukuyama damit ihren – von Hegel selbst vorhergesagten – Höhe- und Endpunkt erreicht. Pikanterweise entsprach diese Interpretation ungefähr dem, was die Sozialisten mit dem „dialektischen Materialismus“ zuvor über Jahrzehnte für sich reklamiert hatten: Nämlich dass die Geschichte eine Art Rolltreppe sei, an deren unterem, steinzeitlichem Ende der Kapitalismus stünde, in der etwas gehobenen Mitte der Sozialismus und am geläuterten Ende eben der gerechte Kommunismus. Fukuyama hat diesen radikalen, sozialistischen Geltungsanspruch genau umgedreht und die siegreiche Idee in den liberalen Demokratien westlicher Provenienz verortet: Der Kapitalismus ist oben, nicht der Kommunismus! Vermutlich nicht ganz ohne abstrakte Ironie.

Rasender Stillstand

Aber seine These war mehr als Provokation und auch mehr als platte Siegerphilosophie – sie sollte sich trotz ihrer augenscheinlichen Absurdität ein Stück weit bewahrheiten. Denn die westliche Idee von Gesellschaft und Republik begann aufgrund fehlender Opposition in der philosophiegeschichtlichen Dimension auf der Stelle zu treten – Geschichte und Zeit kamen auf dieser Ebene zum Stillstand. Nach den Erfahrungen durch Finanzkrise, Turbokapitalismus und Guantanamo attestieren viele den westlichen Demokratien sogar einen Regress oder um im Bild zu bleiben, eine rückläufige Zeit. In der inneren Lebensrealität der Menschen hat sich das Leben dagegen dramatisch beschleunigt. Die Lebenszyklen von Autos, Handies, Computern oder sogar Mode lösten sich in immer höherem Tempo ab. Die Märkte geraten unter Druck, denn wer in seiner Produkt- und Markenentwicklung nicht schnell genug ist, wird von oftmals ad hoc in Erscheinung tretenden und hochkapitalisierten Mitbewerbern aus dem Markt gedrängt. Diese Hyperdynamisierung der Märkte schlägt als persönlicher Druck unmittelbar auf die Arbeitnehmer durch. Hartmut Rosa hat dazu scharfsinnig festgestellt, dass sich das Leben der Menschen trotz gesellschaftlichem Stillstand bis zur Raserei beschleunigt hat. Vielleicht beobachten wir hier gerade ein soziologisches Naturgesetz: Wenn die staatsphilosophische Entwicklung stockt, die Zeit in dieser Dimension steht, dann beschleunigt sich das Leben der einzelnen zu Raserei und Panik. Das Gesellschaftssystem hat es schlicht versäumt, die richtigen Antworten auf die brennenden Fragen unserer Zeit zu finden. Und gerade jene Dekade, in der der „Temps-mort“-Effekt in den Großmedien gebetsmühlenartig wiederholt wurde, hätte uns statt Wiederholungen besser philosophiegeschichtliche Zukunftsimpulse geben sollen. In einer weiteren Dimension begann die Zeit zu rasen und die Ereignisse sich dementsprechend zu überschlagen: In der Tektonik der globalen Macht. Wir haben beobachtet, wie in New York die Wahrzeichen des freien Marktes unter islamistischen Attacken kollabieren, wie sich die alliierten Armeen des Westens in zermürbende und illegitime Kriege verstricken und wie die Macht, die Ressourcen, Handelsüberschüsse, Währungsreserven und wachsende Märkten ausstrahlen, in Richtung BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China) driftet. Gleichzeitig verzerrt sich das soziale Gefüge – auch innerhalb der westlichen Demokratien spricht man von „Brasilianisierung“. Abstrakte, transnationale Kapitaleliten kontrollieren zunehmend Unternehmen, Waren- und Kapitalströme; der Graben zwischen Arm und Reich wird breiter und tiefer, sowohl zwischen den Ländern, wie auch in den einzelnen Ländern selbst. Die nationalen wie transnationalen Rahmenordnungen haben gegenüber diesen Prozessen kaum Ordnungskraft. Die Zukunftsaufgaben CO2-Reduktion, ökologische Sicherheit, Frieden und soziale Gerechtigkeit entgleiten ins Chaotische. Die Zeit, sie zu lösen, verstreicht ungenutzt und entsprechend beginnen sich die Phänomene zu jagen – die Häufigkeit und Dramatik der Folge-Ereignisse aus diesen Ordnungsversäumnissen wächst exponentiell. Ist das das „Ende der Geschichte“? Jedenfalls nicht im Sinne einer republikanischen Heilsvision, wie Fukuyama sie noch ausgerufen hat. Heute dominiert eher die apokalyptische Konnotation.

Neue Zeitver(sch)wendung

Und ein derartiges Gefühl ist es wohl auch, das viele junge Leute in den Universitäten heutzutage beunruhigt. Die Ahnung, dass viele der überlieferten Rezepte und Wertemuster uns in dieses Chaos geführt haben; dass im Angesicht der Aufgaben, die vor uns stehen, jedes nicht zukunftsstiftende Lernen Zeitverschwendung ist – „temps mort“ im schlimmsten Sinne. Aber welches Wissen ist denn nun zukunftsstiftend und welches nicht? Welche Antworten müssen wir finden? Und welche Fragen müssen wir stellen? Ehrlich und sokratisch gesprochen: Wir wissen es nicht. Auch als Leitungsteam eines Seminars für Wirtschaftsethik können wir für uns nicht mehr in Anspruch nehmen, vorgefertigte Antworten auf die Frage nach unserer gesellschaftlichen Zukunftsfähigkeit zu haben. Gerade wir können das heute nicht mehr behaupten und das zuzugeben, ist eine wichtige Voraussetzung für ein modernes Seminar, das sich daran orientiert, die Studierenden in ihrer Selbstverantwortung zu stärken – in ihrer Fähigkeit also, die Gesellschaft selbstständig zu durchdringen und schließlich als selbstbewusste Akteure zu transformieren. Das westliche Gesellschaftssystem ist unter Druck geraten und sieht sich mit den berechtigten und kraftvoll vorgetragenen Ansprüchen der globalen Bevölkerung konfrontiert. Über unsere aktuelle Situation hinaus stellt sich die Frage nach den Ansprüchen nachfolgender Generationen. Es reicht nicht mehr aus, ein Produkt zu ersinnen und in den Markt einzubringen – nicht, wenn man aufgrund seiner Ausbildung zu einer Aufklärungselite gehört und nicht, wenn die kommende Generation ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und ein lebenswertes Umfeld erhalten will. Vielmehr ist im Wirtschaftsprozess künftig wichtig, welche sozio-ökologischen Folgen ein Produkt – seine Herstellung, seine Verwendung und seine Entsorgung – hat. Brauchen wir in Zukunft für neue Produkte auch neue Organisationsformen, neue Social entrepreneurs, neue Ziele und neue Zielgruppen? Benötigen wir eine neue Wirtschaftsweise oder gar eine neue Wirtschaftsordnung? Und warum dann nicht gleich eine neue Idee von Gesellschaft und Republik? Ab wann sind solche Transformationen im System suspekt und gefährlich und ab wann sind sie erwünscht und notwendig? Können die demokratischen Märkte sich aus eigener Schöpfungskraft heraus selbst erneuern? Eine Revolution im System durch das System selbst? Spötter würden sagen, das ist wie bei Münchhausen: sich am eigenen Schopf aus dem Sumpfe ziehen.

Temps vif

Moderne Didaktikkonzepte richten sich wohl mehr an die schöpferischen Kräfte der Studierenden – im Analytischen, wie im Planerischen. Wir beobachten diese Tendenz weltweit bei Konzepten, wie Service Learning in den USA, Uni-Aktiv oder Philosophy & Economics in Bayreuth. In der Weiterentwicklung von John Deweys „learning by doing“ wendet sich das moderne Studium gezielt auch an die komplementäre Kreativität der jungen Menschen und überwindet dabei die sanktionierte Wissensvermittlung, letztlich den noch immer zutreffenden Nürnberger Trichter: Scherzhafte Bezeichnung für eine Lehrmethode, die auf die bloße Aufnahme des „eingetrichterten“ Stoffes durch den Schüler setzt und bei der selbstständiges Lernen eine untergeordnete Rolle spielt. Unter den Schülern der 80er-Jahre hat im Mathematikunterricht ein Witz in Form einer Rechnung die Runde gemacht: 735317:103=7139. Tippte man diesen Rechnung in einen Taschenrechner ein und drehte ihn auf den Kopf, dann ergab sich daraus ein Textwitz, denn man konnte die Zahlen als Buchstaben lesen und demgemäß hieß die Gleichung: LIESEL:EDI=GEIL. Nun war weniger die Pointe das Bemerkenswerte daran, sondern vielmehr die Frage, wie viel Zeit die Schüler in ihrer Schulzeit wohl totschlagen mussten, bis sie irgendwann zufällig auf diese Gleichung gestoßen sind – vermutlich nicht gerade wenig. Jedenfalls macht dieses Beispiel deutlich, wie viel Kreativität in den Unterrichtskonzepten dieser Zeit ungenutzt vor sich hin brodelte. Der Witz ist damit Ausdruck der zeitmörderischen Trockenheit des curricularen Frontalunterrichts mit seinen willkürlichen und dabei noch bruchstückhaften Wissensattacken. Aber er zeigt auch, dass junge Menschen mit den gelernten mathematischen Operationen erfinderisch umgehen konnten. An dieses Potenzial richten sich die modernen Seminarkonzeptionen, wobei als Hauptmotivation unsere Zukunftsfähigkeit dient. Es gibt in den kommenden Dekaden so viel Erneuerungsbedarf, dass die Studierenden vor allem eines lernen sollten: Erneuern! Die Grundbefähigungen dafür heißen Hinterfragen und Verantwortung übernehmen. Die erschlagene Zeit wieder zum Ticken zu bringen und den gesellschaftlichen Diskurs wieder zu beleben sind Aufgaben, an denen sich Studierende erfahrungsgemäß gerne versuchen. Damit das möglich wird, müssen wir uns als Lehrende analog dazu an modernen Unterrichtskonzeptionen versuchen und der bürokratischen Verschulungstendenz nach Bologna entgegenstemmen. Wir freuen uns darauf, diese kreativen Menschen in ihrer beruflichen Zukunft große Veränderungen herbeiführen zu sehen. Und wir hoffen, dass auf die Ära des „temps mort“ bald eine Ära der konstruktiven Entwicklung folgt, eine „temps vif“. novalux: „Neues Licht“ am Anfang des Tunnels

Seit 2000 gibt es an der Universität Bayreuth den Studiengang Philosophy and Economics (pe.uni-bayreuth.de). Das Ausbildungsziel ist die Befähigung junger Menschen in komplexen Entscheidungssituationen kritisch und analytisch reflektiert denken und handeln zu können. Dabei greift die Verbindung von Wirtschaft und Philosophie durch das Curriculum zwei zentrale Wert- und Wirkungssysteme unserer Gesellschaft auf. Die fundierte Auseinandersetzung mit beiden Disziplinen, bereitet die Studierenden auf die gesellschaftlich relevanten Fragestellungen vor, denen sich Denker und Entscheider von morgen stellen müssen. Früh hat sich P&E mit der Konzeption und Umsetzung von Praxisseminaren beschäftigt in denen aktuelle oder zukunftsweisende Thematiken mit konkretem Praxisbezug und in Zusammenarbeit mit Praktikern ausgearbeitet werden. 2009 wurde von den Autoren das nova lux Seminar an der Universität Bayreuth ins Leben gerufen, welches die Entwicklung einer wirtschaftsethisch verantwortlichen Marke durch Studierende als Ziel hat. Nova lux (lateinisch für neues Licht) manifestiert sich damit sowohl im Gegenstand als auch in der Herangehensweise. Dezentral organisierte Projektgruppen werden von der Seminarleitung in ihren kreativen Prozessen im Sinne von Servant Leadership beraten und nicht angewiesen, was durch eine hohe Motivation und Outputorientierung seitens der Studierenden widerspiegelt.

  • Datum 20.04.2009
  • Media Artikel-Download als PDF
  • Gruppenname Seminarleitung

Novalux Partner